Baumfreund

Jorn wurde von dem uralten Baum wie von einem mächtigen Magneten angezogen. Er schlich durch den dunklen Park und folgte einem steinigen Bachbett, das bestimmte schon seit Jahren ausgetrocknet war. Jorn passierte linkerhand den alten, defekten Springbrunnen und kletterte dann auf den rissigen, geteerten Fußweg, um über die steinerne Brücke zu gehen, die auf den runden Platz führte.  

Der Junge blieb stehen, als er sein Ziel erreicht hatte, und blickte mit offenem Mund zu dem uralten Baum auf, der mitten auf dem mit Kies bestreuen Platz stand, der von einer schmiedeeisernen Laterne mit einer einzelnen Glühbirne mehr schlecht als recht ausgeleuchtet wurde. Er kam mittlerweile so ziemlich jede Nacht her und hätte den Weg inzwischen sicherlich auch im Schlaf gefunden.  

Der Junge blieb respektvoll eine Minute stehen und näherte sich dann langsam der riesigen Kastanie. Er stieg auf die windschiefe, alte Holzbank, die man rund um den Baum gebaut hatte, breitete die Arme aus und schmiegte sich an die rissige, raue Rinde. Jorn lächelte, als er sein Ohr gegen den Stamm drückte und das alte, aber kräftige Herz des Baumes schlagen hörte.  

Er hatte schon viele Bäume umarmt, auf seinen rastlosen Wanderungen durch die Stadt. Oftmals war viele Stunden, manchmal aus mehrere Tage unterwegs, immer auf der Suche nach freundlichen Bäumen, mit denen er reden konnte. Doch es gab nicht viele Bäume in der alten Industriestadt Sheffield. Und viele von den Bäumen, die hier ihr Leben fristeten, hatten keine Lust mit einem ‚Schädling‘ zu reden. So nannten sie ihn manchmal, die grantigen Alten, doch Jorn ärgerte sich nicht darüber. Sie wussten es halt nicht besser. Für sie, die sie hunderte von Jahren an einem Ort lebten, war alles, was sich bewegte ein ‚Schädling‘. Und wie sehr traf diese Bezeichnung auf den Menschen zu. Jorn schämte sich oft, einer von den ‚Schädlingen‘ zu sein. Wie gern wäre er ein Baum gewesen, eine riesige, kraftstrotzende Eiche oder, wie der Alte hier im Park, eine mächtige Kastanie.  

Mit diesem hier verband Jorn eine innige Freundschaft, die auf Gegenseitigkeit beruhte. Mit der Kastanie konnte er stundenlang reden. Er liebte es, sich die alten Geschichten und Erinnerungen aus über 100 Jahren ruhigen Lebens in Sheffield anzuhören und erfreute andererseits den Baum mit Erzählungen aus seinem eigenen, viel kürzeren und bedeutend unruhigeren Leben.  

Jorn hatte keine Freunde, nicht in der Schule, die er nur selten besuchte und nicht zuhause, bei seiner Mutter, die ihre Tage in der Regel damit verbrachte, sich mit wechselnden Männern zu betrinken. Jorn sollte diese, wenn sie länger als drei Tage da waren, ‚Onkel‘ Jimmy, Harry, Peter, Walther, Hugh, Wallace oder wie auch immer nennen. Er tat es nie. Stattdessen riss er aus und wanderte durch die Stadt, auf der Suche nach alten Parks und Brachflächen, wo er Bäume zu finden hoffte, die seine Freunde sein wollten.  

Bäume wie diese Kastanie, die inzwischen sein allerbester Freund geworden war. Und genau diesen sollte er, wenn nach seiner Mutter ging, jetzt auch wieder verlieren.  

„Sie… meine Mutter, sie will umziehen, nach Liverpool, direkt in die City. Da gibt es weniger Grün als auf dem Mond!“ Jorn spürte, wie ihm wieder die Tränen in die Augen stiegen, wie vorhin, als er die ‚große Neuigkeit‘ erfahren hatte.  

Natürlich hatte seine Mutter ihm nicht davon erzählt. Sie erzählte ihm nie etwas. Jorn hatte sie und ihren aktuellen Liebhaber, ‚Onkel‘ Winston, belauscht, als die beiden betrunken Monopoly gespielt und dabei viel zu viel gelacht hatten. Jorn hatte in seinem unaufgeräumten, dreckigen Zimmer gelegen und versucht, das Geräusch der klackernden Würfel und das betrunkene Gelächter zu ignorieren. Dann jedoch hatte er gemeint, das Wort ‚Liverpool‘ zu hören und hatte aufgemerkt. Leise war er in den Flur geschlichen und hatte sein Ohr an das Schlüsselloch der Wohnzimmertür gepresst und da hatte er es gehört.  

Onkel’ Winston hatte angeblich einen Job in Aussicht, in Liverpool, und er wollte Cathy, seine Mutter mit dorthin nehmen. Die war Feuer und Flamme gewesen. Umzüge waren schon immer eine Art Hobby seiner Mutter gewesen, solange Jorn sich zurückerinnern konnte. Mittlerweile, mit der Weisheit von beinahe 12 Lebensjahren, wusste er, dass sie nur versuchte, ihren Problemen davon zu laufen, aber die warteten immer schon vor dem neuen Haus, wenn der Umzugswagen vorfuhr.  

Jorn und seine Mutter waren mehr als acht Mal umgezogen in den letzten zehn Jahren, allein fünf Mal, seitdem er zur Schule ging. Auch deswegen fand er keine Freunde. Bevor er jemanden richtig kennenlernte, zogen sie meist schon wieder weg.  

Zum Glück hatte er die Bäume für sich entdeckt, Bäume wie diese wundervolle, alte Kastanie im Park, der nur eine halbe Stunde von ihrem Haus entfernt lag. Und nun sollte er schon wieder einen Freund verlieren. 

Jorn verfiel in haltloses Schluchzen und krallte seine Finger in die raue Rinde, während ihm Tränen über das von Trauer und Wut verzerrte Gesicht liefen.  

„Ich fahre nicht mit! Diesmal nicht!“, rief Jorn zornig. „Soll sie doch allein ins Scheiß-Liverpool ziehen! Ohne mich! Niemals!“ Der Junge stieß einen Schrei aus, in dem sich Wut und Schmerz vermischten. „Ich will dich nicht verlassen“, schluchzte er schließlich und presste seine Stirn an die kühle, schroffe Rinde.  

„Na, na!“ Die tiefe, ruhige Stimme der Kastanie drang wie ein schwaches Erdbeben aus den Tiefen des Baumstamm. „Nur die Ruhe, junger Mensch.“ 

„Du hast gut reden!“, schluchzte Jorn. „Dich schleppt man ja auch nicht ständig von einer Stadt in die andere. Ich hab‘ das so satt!“ 

„Ja, ich bin tatsächlich nur ein einziges Mal ‚umgezogen‘.“ Der Baum lachte sein grummelndes Baum-Lachen, dessen Vibrationen Jorn bis in die Magengrube spürte. „Als sie mich von der Schonung hierher verpflanzt haben. Da war ich noch fast ein Schössling, nicht mal so alt, wie Du es heute bist, junger Mensch.“ 

Jorn schniefte und musste, fast gegen seinen Willen lächeln, als er das rumpelnde Lachen der alten Kastanie hörte. Das ging ihm immer so.  

„Jedenfalls gehe ich diesmal nicht mit. Liverpool, verdammter Mist! Was soll ich in Liverpool! Nein, diesmal nicht.“ Jorn atmete tief durch. „Ich laufe weg! Wir…“, er räusperte sich, „Wir laufen weg!“ 

„Oho!“, sagte der Baum überrascht. „Und wo gehen wir hin, junger Mensch?“ 

Jorn war froh, dass der Baum seinen Vorschlag nicht rundheraus abgelehnt hatte und erläuterte eifrig seinen Plan, an dem er den ganzen Abend über getüftelt hatte: 

„Der Peak District National Park! Ein riesiger Wald, der keine 12 Meilen westlich von Sheffield liegt. Da gibt es tausende und abertausende von Bäumen und sie sind geschützt, weil es ein Nationalpark ist! Was meinst Du?“, fragte er schließlich zögernd. 

„Nun“, der Baum machte eine lange Pause, was aber für ein so altes und in sich ruhendes Lebewesen keine Seltenheit war. In ihren Gesprächen schwieg die Kastanie oft minutenlang, um dann einfach weiterzureden, als hätte es überhaupt keine Unterbrechung gegeben. „Das hört sich sehr schön an. Peak District, sagst Du, heißt dieser Wald?“ 

„Ja!“, bestätigte Jorn eifrig. In der tiefe seines Herzens wusste er, dass er zu viel von dem alten Baum verlangte. Würde er, wären die Rollen vertauscht, seinen Wohnort von 100 Jahren verlassen, nur um mit einem Jungen davonzulaufen, den er kaum ein halbes Jahr kannte? Jorn wusste es nicht, hoffte aber immer noch, wider besseren Wissens, dass die Kastanie zustimmen würde. 

„Hmmm…“, brummte der Baum. „Und was ist mit Deiner Mutter? Sie wird Dich doch vermissen, meinst Du nicht?“ 

Jorn lachte bitter auf. 

„Hast Du mir eigentlich zugehört? Sie wird froh sein, wenn ich weg bin. Sie…“, er stockte und schluckte den Kloß in seiner Kehle herunter, „Sie liebt mich nicht.“ 

„Hmmm…“, brummte der Baum wieder und Jorn gab die Hoffnung auf. Die Kastanie würde nicht mitkommen und allein… wieso sollte er allein weglaufen? Und wohin?  

Dann fuhr er halt doch mit nach Liverpool. Bittere Tränen stiegen Jorn erneut in die Augen und er löste sich von dem uralten Baum. 

„Schon okay“, sagte er leise und tätschelte die Rinde. „Ich… ich kann dich irgendwie verstehen.“ Jorn schniefte. „Es war mir eine Ehre, Dich kennengelernt zu haben, Kastanie.“ Er unterdrückte ein Schluchzen und wandte sich zum Gehen. 

Als er die alte Steinbrücke überquert hatte und gerade in das trockene Bachbett hinabsteigen wollte, ertönte ein krachendes Ächzen und Reißen und der Boden erbebte. Jorn blickte erschrocken auf und einen schrecklichen Moment lang sah es so aus, als würde die Kastanie, sein alter Freund,  umstürzen. Doch dann fing sich der riesige Baum, fand auf den vier mehrere Meter breiten Wurzelfüßen sein Gleichgewicht und schüttelte seine belaubte Krone, dass ringsum die Kastanien in ihren stacheligen Hüllen wie in einem Hagelschauer auf den Boden prasselten.  

Wo die Kastanie über einhundert Jahre lang gestanden hatte, klaffte nun ein mehrere Meter tiefes und breites Loch im Boden. Erdklumpen flogen in alle Richtungen, als der alte Baum seine ersten, stampfenden Schritte in Jorns Richtung machte. 

„Nun, denn junger Mensch! Dein Vorschlag gefällt mir! Brechen wir auf!“ 

Jorn juchzte vor Freude, wies seinem Freund die Richtung und sie machten sich gemeinsam auf den Weg nach Westen.  

 

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